Grundsätzliches zur Wahrnehmung

Obwohl die wahrgenommenen Reize objektiv, das heißt für jeden Menschen gleich sind, gehört die Wahrnehmung selbst dem Erlebensbereich an. Jeder Mensch nimmt also auf seine ganz persönliche Art und Weise wahr. Dabei gelten folgende Grundsätze:

- Das Umfeld bestimmt die Wahrnehmung einzelner Reize.
- Wahrnehmung ist ein Kompromiss zwischen Vorgefundenem und Erwartetem.
- Wahrnehmung unterliegt immer der Selektion.

 

 

Das Umfeld

Die Wahrnehmung einzelner Reize wird bestimmt durch das Umfeld, in dem diese Reize auftreten.
Im Bereich der Sinneswahrnehmung lässt sich diese Tatsache durch zahlreiche optischen Täuschungen belegen. Diese Täuschungen lassen sich nicht ausschalten, selbst wenn man weiß, dass es sich um eine Täuschung handelt.

 

Hier einige Beispiele:

Beide Kreise haben dieselbe Graustufe. Je nach Hintergrund wird der Kreis aber heller oder dunkler wahrgenommen.

 

Auch in der sozialen Wahrnehmung beinflusst das Umfeld die Wahrnehmung:
Wenn man z.B. einen Menschen kennen lernt, wird man ihn unterschiedlich wahrnehmen, je nach Situation oder Stimmung, in der man sich befindet (gemütlich in der Kneipe; als „Gegner“ bei einem Unfall; nach einem Streit mit dem Partner; als Vorgesetzten, u.s.w).

 

Beide roten Kreise sind gleich groß. Die Täuschung entsteht durch den Vergleich mit den umgebenden schwarzen Kreisen.

 

Ein Mensch fühlt sicher sicherer und selbstbewusster, wenn er sich unter Menschen befindet, die er als gleichwertig oder unterlegen empfindet, als unter Menschen, die er für besser, intelligenter, schöner (je nach Vergleichsmaßstab) als sich selbst hält.

 

 

"Kompromiss"

Wahrnehmung ist ein „Kompromiss“ zwischen dem, was man vorfindet (objektiver Reiz), und dem, was man erwartet (subjektive Interpretation). Eine Fehldeutung ist umso wahrscheinlicher, je weniger eindeutig ein Reiz ist.

Beispiele:
- Zieht ein Gewitter auf, kann es sein, dass man das Dröhnen eines Flugzeugs als Donner fehldeutet.

- Nachts in einer dunklen Gasse hält man einen plötzlich auftauchenden Schatten eher für eine Gefahrensituation.

- Hat man ein negatives Bild von einem Menschen, wird man seinen Gesichtsausdruck und/oder sein Verhalten entsprechend diesem Bild interpretieren.

 

 

Selektion

Wahrnehmung unterliegt der Selektion (Auswahl).

Machen Sie folgenden Selbstversuch:
Halten Sie inne in der Position, in der Sie sich gerade befinden. Konzentrieren Sie sich nun ausschließlich auf das, was Sie sehen: Farben, Formen, Gegenstände bis ins kleinste Detail, Schriftzüge, Licht und Schatten, Bewegungen. Lenken Sie dann Ihre Aufmerksamkeit auf das, was Sie hören: z.B. Verkehrslärm, Stimmen, ein tropfender Wasserhahn, das Surren einer Fliege. Machen Sie weiter mit den übrigen Sinnen: Was riechen Sie? Welchen Geschmack haben Sie auf der Zunge? Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihr Körperinneres. Ist Ihnen kalt oder warm? An welchen Körperstellen? Spüren Sie den Druck, der in Ihrem Gesäß spürbar ist, wenn Sie sitzen, in Ihren Füßen, wenn sie den Boden berühren. Spüren Sie, wie der Atem ein- und ausströmt, der Magen vielleicht knurrt oder eine Körperstelle juckt.

Das ist nur eine minimale Auswahl an Reizen, die in jedem Augenblick von außen und aus dem Körperinneren auf uns einströmen. All diese Reize werden gleichzeitig aufgenommen und verarbeitet, die wenigsten davon gelangen allerdings ins Bewusstsein. Nur diejenigen Reize, die in der momentanen Situation wichtig sind, werden bewusst wahrgenommen und gleichzeitig hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit interpretiert, wobei es auch zu Fehldeutungen kommen kann.

 

 

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