Die "Standard"-Fehler der Wahrnehmung

Neben den oben genannten individuellen Wahrnehmungsverzerrungen gibt es eine Reihe von Wahrnehmungsfehlern, denen jeder Mensch ausgesetzt ist, zu vergleichen mit den optischen Täuschungen der Sinneswahrnehmung. Man nennt sie deshalb die „Standard“-Fehler der Wahrnehmung. Die Kenntnis dieser Fehler kann helfen, Vorurteile zu vermeiden und Menschen und andere soziale Bezüge „objektiver“ zu beurteilen.

 

 

Der Ähnlichkeitsfehler

Bei der Wahrnehmung anderer Menschen nimmt man sich selbst als Bezugsrahmen. Entdeckt oder vermutet man bei einer anderen Person Ähnlichkeiten mit der eigenen Person, führt dies zu einer eher positiven Beurteilung der anderen Person. Ähnlichkeiten können sich z.B auf die äußere Erscheinung (ähnlicher Bekleidungsstil), Interessen ( gleiches Hobby), Herkunft (in der gleichen Stadt geboren), politische Einstellung oder Weltanschauung beziehen.

 

 

Der Kontrastfehler

Auch beim Kontrastfehler wird die eigene Person zum Bezugsrahmen für die Beurteilung anderer. Allerdings geht es hier um Eigenschaften, die man der eigenen Einschätzung nach selbst nicht besitzt, aber gerne hätte und bei anderen bewundert. Solche Eigenschaften werden bei anderen Menschen eher überschätzt. Ein schüchterner Mensch etwa hält andere für selbstbewusster als sie tatsächlich sind.

Auch bei aufeinander folgender Beurteilung mehrerer Personen wirkt sich der Kontrastfehler aus. Das vorhergehende Urteil beeinflusst das nachfolgende.
Beispiel: Bei einer Prüfung kommt zuerst ein guter Schüler, dann ein mittelmäßiger. Der gute Schüler wird zum Vergleichsmaßstab für den mittelmäßigen. Folglich wird dieser relativ schlechter beurteilt. Kommt aber zuerst ein schlechter Schüler und danach der mittelmäßige, wird dieser eher besser beurteilt.

 

 

Der "logische Fehler"

Jeder Mensch bildet sich aufgrund übernommener Meinungen und eigener Erfahrungen eine private Persönlichkeitstheorie darüber, welche Eigenschaften bei einem Menschen zusammen gehören. Bei der Beurteilung anderer Menschen wird dann von einer einzigen Eigenschaft oder einem einzigen Merkmal (oft rein äußerlich) auf andere Eigenschaften geschlossen.
Beispiele:
- Gut aussehende Menschen werden im Allgemeinen für intelligenter und/oder gebildeter gehalten als weniger gut aussehende.
- Sparsame, ordentliche Menschen gelten als eher konservativ.
- Einer Frau mit streng nach hinten gekämmtem und zu einem Knoten zusammengebundenem Haar schreibt man auch einen strengen Charakter zu.
- Wer pünktlich ist, gilt auch als sauber, ordentlich und zuverlässig.
- Dicke Menschen hält man für gemütlich und gesellig, aber auch für haltlos und genußorientiert.

Sicherlich ist es richtig, dass man von der äußeren Erscheinung eines Menschen auf innere Eigenschaften schließen kann, aber man muss sich bewusst sein, dass diese Schlüsse zwar aufgrund bisheriger Erfahrungen wahrscheinlich sind, im Einzelfall aber nicht unbedingt zutreffen müssen und der Überprüfung bedürfen.

 

 

Der Halo-Effekt

"halo" (engl.) = Hof (z.B. um den Mond, um die Brustwarzen, Heiligenschein)
Der Gesamteindruck beeinflusst die Wahrnehmung von Einzelheiten. Man macht sich von einem Menschen oder einer Situation ein Gesamtbild. Ist dieses Bild positiv, werden auch Einzelheiten eher positiv bewertet (vielleicht sogar überbewertet), Negatives wird leichter übersehen oder für unbedeutend gehalten. Umgekehrt ist es natürlich genauso. Ist einem einMensch unsympatisch, lässt man sozusagen "kein gutes Haar" an ihm.
Besonders augenfällig ist der Halo-Effekt bei Verliebten. Alles, was der/die Geliebte sagt oder tut, wird durch die "rosa Brille" der Verliebtheit gesehen.

 

 

Der erste Eindruck

Der erste Eindruck, den man von einem Menschen bekommt, ist oft sehr bestimmend für die weitere Wahrnehmung dieses Menschen. Er wird zum Bezugsrahmen für den weiteren Umgang mit diesem Menschen, und ist nur schwer zu korrigieren, obwohl er durch ganz spezifische und zufällige Umstände zustande gekommen sein kann.
Beispiele:
Jeder, der ein Bewerbungsgespräch vor sich hat, weiß um die die Bedeutung des ersten Eindrucks und bereitet sich darauf vor, einen möglichst guten Eindruck zu machen. Häufig entscheidet sich bereits in den ersten fünf Minuten, ob ein Bewerber eine Chance hat oder nicht.

 

 

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